
Onkel Carlos und das Walt Gießney Kinderorchester
Neujahrskonzert im Stadttheater ruft Begeisterung hervor – Kabarettist Lars Reichow sorgt für Lacher – Standing Ovations am Schluss
»O dubidu« – nein,Wutbürger waren am Samstag nicht im Stadttheater, nur Gutbürger. Bei bester Laune. Das Neujahrskonzert im Großen Haus entlockte dem Publikum tosenden Applaus, der am Ende, nach vier Zugaben, in Standing Ovations für Generalmusikdirektor Carlos Spierer und sein Philharmonisches Orchester Gießen mündete. Nicht zuletzt mit Melodien aus dem »Dschungelbuch« (»O dubidu« singt King Louie, auf Deutsch mit der Stimme von Klaus Havenstein) spielten sich die Musiker in die Herzen der Besucher.Vergessen war die Dadaisten-Posse des Vorjahrs, die für Wirbel und Kritik gesorgt hatte. Vergessen auch die bange Frage, ob das Konzert nun nicht ausverkauft sein würde: Bis unters Dach saßen die Zuhörer begeistert dicht an dicht. Ein Garant der Erfolgs war Kabarettist Lars Reichow. Er stieß in seinen Auftritten zwischen den Musikstücken mit satirisch-kühlem Charme und augenzwinkernder Ironie auf Zustimmung. Per Wortwitz markierte der Moderator einen trotzig-selbstbewussten, gleichwohl gescheiterten und schlecht organisierten Kommunalpolitiker nach der Wahl (»Nadürlich hawwe mir vergesse, die Plakate uffzuhänge «), gab Auskunft über das optische Dilemma duschender Männer im fortgeschrittenen Alter und widmete sich scharfzüngig dem Dekowahn der Damenwelt. Darüber hinaus blies er dem Orchester den Marsch.Kostprobe: »Die Hörner täuschen über die Fehler der anderen Instrumente hinweg. « Oder: »Die Bratschen sind die Außenseiter im Orchester, die sogar die Witze, die über sie gemacht werden, selber weitererzählen. « Oder: »Die Geigen sind sensibel – daher der Begriff Geigerzähler… « Von den Kalauern motiviert, spielte das Orchester gut gelaunt und fein aufeinander abgestimmt. Spierer gelang es, mit seinen Musikern eine gestochen scharfe Leichtigkeit zu formulieren. Schwere Kost bot nur die Arie des Max’ (»Nein, länger trag ich nicht die Qualen«) aus Carl Maria von Webers »Freischütz«. Gasttenor Andreas Scheidegger sang die Partie nach etwas trocken-deklamatorischem Beginn voller Inbrunst. Die Ouvertüre aus Humperdincks »Hänsel und Gretel« präsentierte vorab das musikalische Motto, unter dem der Abend stand: den Wald. Reichow: »Im Wald sind heute die Demonstranten, früher waren’s die Räuber.« Unter dem Natursignet firmierte fortan die ausgewählte leichte Muse. Smetanas »Aus Böhmens Hain und Flur« aus dem Zyklus »Mein Vaterland « schlenderte kompositorisch durch die Wiesen und Auen; Spierer hätte das pulsierende Intro wegen der Ausgestaltungsmöglichkeiten einen Tick langsamer angehen dürfen. Die Blechbläser erfüllten hier und da die Vorgaben des Moderators – im Übrigen bestand das Konzert aus reiner Klangschönheit. Mit den »Geschichten aus dem Wienerwald« (Johann Strauß) war auch die im Vorjahr vermisste Walzerseligkeit im Dreivierteltakt wiederhergestellt. Nach der Pause hielt Intendantin Cathérine Miville ihre Neujahrsansprache, bedankte sich artig bei der Politik als Geldgeber und verwies – wohl nicht zuletzt wegen der Kritik an ihrem Führungsstil im vergangenen Jahr in dieser Zeitung – auf die gute Teamarbeit innerhalb des Hauses.
Bei der zweiten »Freischütz «-Komposition, dem pfundigen Chor »Was gleicht wohl auf Erden (dem Jägervergnügen) «, durfte sich ein Männerchor, bestehend aus dem Herrenchor des Stadttheaters und Mitgliedern des Männerchors »Jugendfreund« Pohlheim, feiern lassen. Am Konzertende erlebte der Titel unter großem Beifall eine zweite Aufführung. Die sinfonische Dichtung »Im Walde « von Mikalojus Konstantinas Ciurlionis setzte auf Spannungsreichtum. Danach gewann Filmmusik die Oberhand. Die Suite von Michael Kamen aus »Robin Hood, König der Diebe« und Edward Holcomb Plumbs Suite aus »Bambi« bereiteten den Weg für George Bruns’ »Dschungelbuch«- Suite. Reichow: »Hören Sie jetzt Onkel Carlos mit seinem Walt Gießney Kinderorchester!« Das swingende Stück im Big-Band-Sound mit kleiner Gesangseinlage des Orchesters löste finale Begeisterung aus und musste gleich darauf noch einmal von einem tänzelnd dirigierenden Onkel Carlos in Gang gesetzt werden. Diesmal standen nicht nur die Blechbläsersolisten während ihrer Darbietung auf, sondern auch alle übrigen Musiker erhoben sich bei prägnanten Einsätzen, was besonders den Cellisten Gelenkigkeit abverlangte. Am Ende war alles eitel Sonnenschein. Ein optisches Schmankerl hätte es noch sein dürfen: Spierer am Schluss als Balu wie er mit Reichow als King Louie das Tanzbein schwingt. »O dubidu…«. Manfred Merz, 03.01.2011, Gießener Allgemeine Zeitung